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Familienbriefe - Hebung ungeahnter Schätze

Von Hella Hübsch. Vortrag, gehalten am 23.11.1999

Meine lieben Damen und Herren!

Wenn man Genealogie betreibt, spricht es sich in der Familie herum. Geht es Ihnen auch so, daß Sie plötzlich alle möglichen Unterlagen Papiere und Erinnerungsstücke aller Art ins Haus bekommen? Vor allem alte Briefe, von denen die Verwandten sich mit Wonne befreien, weil sie ihnen lästig sind.

Die Einstellung zu Briefen ist sehr verschieden. Da geht es von denen, die alles wegwerfen, den Wegwerfern unserer Wegwerfgesellschaft, bis zu denen, die alles aufheben, den Aufhebern oder Sammlern.Der Wegwerfer spart Platz, Zeit, Arbeit, denn man muß ja die Briefe, wenn man sie hat, auch lesen! Er hat zudem das Argument bei der Hand: das interessiert ja doch niemanden mehr! Und: damit kann man ja doch nichts mehr anfangen. Der etwas weniger bedenkenlose nimmt die Briefe und bringt sie zu Ihnen. Und nun haben SIE das Problem.

Daß Briefe ein Problem sein können, hat man bei unserer vorletzten Veranstaltung mit dem Vortrag von Herrn von Lehsten feststellen können. In seinem Archiv sind auch Briefe und sogar Briefnachlässe vorhanden, aber sie seien nicht erschlossen, und man mache zunächst noch einen großen Bogen um sie. Schade, aber bei dem heutigen Mangel an Zeit und Geld durchaus verständlich. Ein paar Briefe, naja, aber wenn man einen Koffer voll vor sich hat, schielt man schon einmal nach der grünen Tonne, oder?

Ich denke aber, wir alle gehören doch mehr oder weniger zu den "Aufhebern". Denn wenn man auch im Grunde nur nach den Daten der Vorfahren sucht, kann  der Brief einer entfernten Tante Hinweise enthalten, ob wer wann noch gelebt hat, wo er her- oder hingezogen ist, und sei es auch nur auf dem Ausschlußwege, d. h. wann etwas nicht gewesen sein kann.

Ältere Briefbündel verdienen einen gewissen Respekt, weil sie von irgend jemandem aus irgend einem bestimmten Grund gesammelt und aufgehoben worden sind:
Auswandererbriefe, Reiseberichte, Briefe zu besonderen Jubiläen oder Kondolenzbriefe, Eltern hoben die Briefe ihrer Kinder auf, die von zu Hause fortzogen usw.
Manchmal erschließt sich  der Grund der Sammlung erst beim Lesen.

Jeder von uns hat einige Briefe, die ihm lieb und wert sind und die besonders aufbewahrt werden. Ich zeige Ihnen hier einige Beispiele....:

Letzter Brief meiner Urururgroßmutter aus dem Jahr 1846, noch ohne Briefmarke aber mit dem Vermerk "frey" und roter Aufschrift "2 ½". Der Brief besteht nur aus einem Blatt, das zusammengefaltet und ineinandergesteckt und dann versiegelt wurde. Maschinenabschrift vom Text.

Brief eines anderen Ururgroßvaters aus dem Jahr 1818. Der Brief ist insofern bemerkenswert, als er so deutlich und klar geschrieben ist, daß man ihn auch heute noch leicht lesen kann. Er ist aber auf schwedisch verfaßt; und mein Großvater, der ihn übersetzte, schrieb deutsche und leider ziemlich schlechte Schrift, also mußte ich doch eine Maschinenabschrift anfertigen. Von diesem schwedischen Urahn existieren noch einige Briefe und vier Predigten, alle in derselben großen klaren Schrift. Hier noch ein Abschiedsschreiben an seine vorgesetzte Behörde, als er einen neue Stelle antrat. Man kann hier richtig sehen was man seiner Familie für einen Gefallen tut, wenn man deutlich schreibt. Das ganze damalige Milieu erschließt sich leichter.

Dies sind natürlich Kostbarkeiten, die in säurefreier Pappe aufbewahrt werden. Was man aber im Allgemeinen an Briefen erbt, kommt in den verschiedensten Formen ins Haus: mehr oder weniger schön verschnürt, gebündelt, in alten Zigarrenkisten oder Schuhkartons, in allen Arten von Heftern und Ordnern oder einfach nur ein Schubladenwust von einem ganz ungeordneten Sammelsurium. Ich erbte einen Koffer voller Briefe. Diese sind alle meistens nicht so alt wie die Stücke, die ich Ihnen eben gezeigt habe. Aber Alter was heißt Alter? Alter ist etwas Relatives:

Die ältesten bekannten Briefe stammen aus der Pharaonenzeit vor ca. 2200 Jahren. Briefe gab es auch schon im Alten Testament. Man denke u.a. an den berüchtigten Uriasbrief. - Von Cicero und Plinius gibt es umfangreiche Briefsammlungen. Auch später wurden Briefe vorwiegend auf Lateinisch geschrieben. Erst als die Kunst des Lesens und Schreibens Allgemeingut wurde, entstanden Briefe auch in deutscher Sprache, wobei Luther bahnbrechend wirkte. Lange galt daneben noch französisch als Bildungs- und auch Briefsprache. Es wurde in einem gedrechselten und kunstvollen bis gekünstelten Stil (in beiden Sprachen) geschrieben, bis 150 Jahre später Gellert und Gottsched mit ihren Reformbemühungen für eine natürliche Ausdrucksweise eintraten.

Mein Ururgroßvater, von dem die gut geschriebenen Briefe stammen, verfaßte seine Doktorarbeit über "Die gekünstelte Redeweise". Dies nebenbei. Aber seit der Zeit vor etwa 200 Jahre entwickelt sich der Briefstil parallel zur Literatur. Die Veröffentlichung von Briefen gehörte zu jedem bedeutenden Schriftsteller. Aber auch die allgemeine Bevölkerung schrieb mehr und mehr. Gefördert wurde der Briefverkehr durch den Bau der Eisenbahnen, denn auch die Briefe waren ja bis dahin zu Pferd oder mit der Kutsche gereist und brauchten entsprechend lange Zeit zum Empfänger. Die ersten Briefmarken gab es 1840 in England. Bis dahin wurden die Briefe abgestempelt oder aber nur mit Kosten- und Freivermerk versehen. Eine Briefschreibkultur, wie wir sie kennen, gibt es also erst seit ca. 200 Jahren, und wer weiß, wie es weitergeht. Doch davon später.

Wir waren also dabei stehengeblieben, daß wir eine größere Menge Briefe geerbt hätten. Nehmen wir dies mal an. Was tun? Vor allem, was nicht tun?
Man sollte sich nicht verleiten lassen, gleich gewissermaßen blindlings drauflos zu lesen. Denn das ist krasse Zeitverschwendung, weil man sich festliest und hinterher
nicht mehr weiß, wo was steht.

Vor allem ZEIT muß man sich nehmen.
Zuerst die Briefe nach Personen und Daten ordnen.
Reihenfolge kennzeichnen, so daß sie mit einem Blick erkennbar ist.
Stift und großen Bogen für Notizen bereithalten. (Computer einschalten)
Lesen und über jeden Briefinhalt einzeln Notizen machen.
Die Notizen zusammen mit den Briefen archivieren.
Bei großen Briefbeständen eine Liste der Briefschreiber anlegen, auf der vermerkt ist, wo welche Briefe zu finden sind.

Hier kommt die nächste Frage:
Wie archiviert man am besten die Briefe?
Es kommt natürlich darauf an, in welchem Zustand man die Briefe bekommt, wie alt sie sind und auch auf den Grad der Wichtigkeit.
Es gibt Leute, die ganz brutal alles lochen und in Leitzordner sperren.
Ich bin aus verschiedenen Gründen dagegen.
Die Briefe werden verletzt, Text an den Löchern empfindlich.
Durch die stehende Aufbewahrung werden auch die Ränder geschädigt, vor allem weil die Briefe selten gleich groß sind.
Der Leitzordner bietet keinen Schutz gegen Staub und Licht.
Also: so etwas sollte man nur mit unwichtigeren Briefen machen und auch dann nicht vergessen, Numerierung oder Datenfolge und Notizen beizulegen.

Ich bevorzuge im Allgemeinen 2 verschiedene Systeme:
Alte Briefe ohne Umschlag, die schon etwas gelitten haben, sollten in säurefreiem Karton aufgehoben werden. Auch entsprechende Aktendeckel, säurefrei, sind verwendbar. (Beispiel Briefe Felix Hübsch.)

Haben Sie aber die Briefe mit Umschlag gebündelt erhalten und sind sie in den Umschlägen noch in gutem Zustand, sollte man sie wieder genauso hineintun, wie sie waren. Der erste Falz bricht nicht so schnell, als wenn man ihn glätten will. Die Briefe sind gegen Licht und Staub geschützt. Numerierung oder Datierung kann man oben links auf den Umschlägen anbringen. Zum Bündeln hat sich weniger Bindfaden, eher noch Seidenbändchen, am besten aber schlapp gewordenes oder sehr weiches Durchzug-Gummiband bewährt. Damit macht man am wenigsten kaputt (Beispiel). Solche nicht zu dicken Briefbündel lassen sich ausgezeichnet in Karteikästen, Schuhkartons oder Schubladen unterbringen. Neue, auch laufend eingehende Briefe können erhaltenswert erscheinen - bedenken Sie, in 10 Jahren passiert so viel,(z.B. dt. Wiedervereinigung) da sind auch die neuen Briefe schon wieder alt! Also neue Briefe lege ich auch nach dem zweiten System ab. Ich schreibe Datum und Notiz über den Inhalt oben links zur Absenderangabe und ordne sie alphabetisch in karteimäßigen Kartons oder Schubladen ein. Es fällt dann verhältnismäßig leicht, auch einen zu stark angewachsenen Bestand auszudünnen und gelegentlich etwas auszusondern (Beispiel). Ausgesonderte Briefe lassen sich gut verschenken. Sie machen dem Absender nach vielen Jahren bestimmt Freude, aber auch anderen darin erwähnten Personen.

Kurze Bemerkung über schöne Postkartensammlungen, die Anschauung mit Information  verbinden.

Manche Leute legen Familienanzeigen gesondert ab. Ich bekam auch so ein Päckchen vererbt. Die Anzeigen sind nach Familienstämmen geordnet, aber das ist nicht ideal, da man beim Suchen eher von neu dazugekommenen Namen ausgeht. Außerdem hat man da eine weitere Ablage, was man möglichst vermeiden sollte. Wenige umfassende alphabetische Ablagen sind effektvoller. Hiermit haben Sie sicher auch eigene Erfahrung und können nachher Anregungen geben.

Zunächst aber einmal die große Frage: WOZU das Ganze? Der Wegwerfer war inzwischen schon mindestens 5mal im Kino. Aber wenn man mal so einen Packen Briefe durchgearbeitet hat, tut sich einem eine ganze Welt auf, nicht nur die ganz persönliche Welt des Vorfahren, seine Vorlieben, Tätigkeiten und Lebensart sondern auch ein Bild seiner Zeit. Da die Leute früher in den Schulen besser zum Schreiben angeleitet und darin eingeübt wurden, kann man außer Daten beim aufmerksamen Lesen sehr viel entnehmen. Bis zur Mitte unseres Jahrhunderts wurde auch sehr viel mehr geschrieben als heute. In unserer Familie schrieb man sich jede  Woche. Meine Mutter schickte der ihrigen nach dem Tod ihres Vaters sogar noch zusätzlich Mitte der Woche eine dicht beschriebene Postkarte. Da wurden dann natürlich sehr viel mehr Einzelheiten kolportiert und die Erlebnisse anschaulich dargestellt. Das ist gewissermaßen  eine Briefschatztruhe, die verwaltet und möglichst für die Nachkommen und andere Interessenten aufgeschlossen werden sollte, damit  die Liebe zur Tradition gefördert wird. Ich sehe darin eine der Hauptaufgaben meiner genealogischen Tätigkeit und habe schon seit Jahren auf diesem Gebiet allerlei versucht mit teils recht interessanten Erfahrungen, wovon ich Ihnen jetzt noch berichten will.

Das ERSTE, was in dieser Hinsicht auf mich zukam, war ein Paket unbekannter Briefe aus einer alten Truhe eines Hübsch-Vetters aus den Jahren 1833-37, die eine Kettenreaktion bewirkten.......Ordnen, Entziffern, Maschinenabschrift, Kontakte mit USA via Archiv, Veröffentlichung und Familienkontakte.

ZWEITE Arbeit dieser Art: Ergänzung der Jugenderinnerungen meines Mannes durch Briefe. Das war Fotos ein Weihnachtsgeschenk an Familienangehörige, vor allem die Kinder.

DRITTENS entdeckte ich in einer Zigarrenkiste Briefe eines Onkels aus den Jahren 1903-09, die sich als hochinteressant erwiesen, weil sie sehr spannend seinen Werdegang bei der Kaiserlichen Marine, seinen sehr frühen Abschied schilderten und seine Auswanderung nach dem damaligen Deutsch-Süd-West-Afrika, die Mühen des Fußfassens unter primitivsten Bedingungen usw. Abgeschrieben, gebunden und Kindern zu Weihnachten geschenkt, von bes. Interesse für die Familie, da in jeder Generation seither Familienmitglieder ins südliche Afrika auswandern.

Das VIERTE ist eigtl. in der Hauptsache die Arbeit eines Vetters, der die Brautbriefe unserer gemeinsamen Urgroßeltern besitzt und abschreibt, wobei ich entziffern half. Der Inhalt ist bes. interessant wegen der Schilderung des Eisenbahnbaus, an dem der Urgroßvater leitend beteiligt war. Hier muß für die Nachkommen noch eine Auswahl getroffen und Bilder hinzugefügt werden.

FÜNFTENS war es mein Wunsch, eine Schilderung der Kriegserlebnisse unserer Familie für die jüngeren Generationen zu schreiben. Hierfür verwendete ich neben den Kriegstagebüchern meines Vaters vor allem BRIEFE. Leider gab es verschiedene Phasen, von denen die Briefe der Familie verbrannt oder verloren  waren. Ich fand aber eine Aktentasche voller Briefe und Postkarten AN meinen Vater, die ich zunächst wegwerfen wollte, aber dann einmal nach Daten sortierte und katalogisierte- wie ich Ihnen hier zeigen kann. Das System bewährte sich, ich konnte ohne langes Suchen auf diese Briefe zurückgreifen; und durch die Verschiedenheit der Verfasser und ihrer Lebensumstände und Kriegserlebnisse gewann mein Buch an Vielfalt und Farbe, auch an der inneren Wahrhaftigkeit, die man nur durch die Zeugnisse der Zeit selbst gewinnt und nicht durch nachträgliche Erlebnisberichte.---

Habe ich Ihre Geduld jetzt lange genug strapaziert? Nein? Dann will ich Ihnen noch von einer Sünde berichten, die ich gegen meine eigentliche Überzeugung gerade begehe: Angetrieben durch die Einsicht, daß heutzutage ohne Bilder nichts mehr interessant ist und daß so viele Fotos in den Briefen der Verwandten herumgammeln, habe ich einen Ordner angelegt, in dem ich die Verwandten, die nicht in der direkten Ahnenlinie liegen, alphabetisch mit ihren Briefen und Fotos erfaßt habe. Nach und nach hat sich das System herauskristallisiert, daß ich - zunächst auf dem ersten Brief, später auf einem gesonderten Deckblatt vor jedem Verwandten den gemeinsamen Vorfahren und seine Deszendenz darlege. Dies ist also eine laufende Arbeit. Besonders  wichtige Briefe habe ich dann in eine Schutzfolie gesteckt. Wie sich das System entwickelt, kann man sicher erst in 5 Jahren oder so feststellen. Die Idee ist ein Familien-Bilderbogen.

Ich kann diesen Vortrag nicht beenden, ohne auf die neu sich abzeichnenden Entwicklungen einzugehen. Zunächst hatte man ja geglaubt, Telefon und das vermehrte Reisen würde die Briefschreibkultur weitgehend zum Erliegen bringen. Zweifellos wird heute sehr viel weniger geschrieben als in meiner Jugend. Wenn ich alle 6 Wochen von meinen Kindern Post erhalte, ist das viel. Aber ich schreibe auch nicht mehr, ehrlich gesagt. Nun kann man ja emailen, was zweifellos eine großartige Sache ist und die Kontakte wieder besser pflegt. Manche von uns sind da ja schon "eingestiegen", wie man so schön sagt. WENN Sie sie ausdrucken, fehlt zwar das persönliche Fluidum der Handschrift und des individuellen Briefpapiers, aber dafür muß später niemand eine Maschinenabschrift anfertigen. Aber mal ehrlich: drucken Sie alle Nachrichten aus, die Sie von Verwandten erhalten? Häufig sind es ja auch nur Notizen. Das sinnvolle Einsetzen der elektronischen Post erfordert wohl, daß man sofort eine Auswahl trifft dessen, was erhaltenswert ist. Nicht so einfach, aber vielleicht kann man auch das lernen. Denn wenn man die Sachen im Computer läßt, sind sie doch über kurz oder lang verloren. Oder was meinen Sie? Vielleicht gibt es da interessante Vorschläge?

Jedenfalls möchte ich mit diesen Überlegungen meinen Vortrag schließen und würde mich freuen, wenn Sie mit Fragen oder Stellungnahmen noch etwas zum Thema beitragen könnten.

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