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Die Auswanderung aus Südbaden nach Siebenbürgen.

Von Rolf Eilers, aus: Siebenbürgische Familienforschung, Köln - Wien 1986, 3. Jahrg., Nr. 2, S. 51ff.

Das frühere Fürstentum Siebenbürgen mußte bekanntlich die Befreiung von der Türkenherrschaft Ende des 17. Jahrhunderts mit großen Opfern an Menschen bezahlen. Außerdem erlebte es eine zusätzliche Dezimierung der Bevölkerung durch die Pest im Jahre 1695, die besonders unter den Bewohnern des Unterwaldes und vor allem in der Stadt Mühlbach wütete. Hunderte von sächsischen Höfen waren verwaist, und in die leeren Räume wanderten rumänische Hirten ein, die zwar schon vorher von Süden über den Karpatenkamm vorgedrungen aber nicht seßhaft geworden waren.

Nachdem die Siebenbürger Sachsen sich kurz nach 1736 erfolgreich gegen die Gegenreformation der Jesuiten zur Wehr gesetzt hatten, gelangten als erste Neusiedler Lutheraner und Calvinisten in ihr Land, welche unter dem Druck der Gegenreformation aus dem Erzbistum Salzburg, aus Oberösterreich, der Steiermark und aus Kärnten auswandern mußten; man spricht von insgesamt 6.200 Personen.

Eine ähnliche Entvölkerung wie Siebenbürgen hat Südbaden im 30-jährigen Krieg in der Rheinebene erlebt. Die Lücken in der evangelischen Markgrafschaft Baden-Durlach wurden durch eine intensive Einwanderung aus den reformierten Kantonen der Schweiz von 1648 bis etwa 1710 geschlossen. Der Kinderreichtum der Familien führte schon bald zu einer erheblichen Übervölkerung. Das Kulturland konnte nicht vermehrt werden, so daß die Zerstückelung des Grundbesitzes zu einer Verarmung der Bauern führte.

Aus diesem Grunde entsprach die Baden-Durlachische Regierung, welche übrigens erst 1714 ihren Regierungssitz von Durlach in das neugegründete Karlsruhe verlegte, gerne dem Begehren der kaiserlichen Werber und ließ die Auswanderung aus dem Bereich Kaiserstuhl - Emmendingen und aus dem Markgräflerland, der den Bereich südlich von Freiburg bis Lärrach und bis in das untere Wiesental umfaßt, Anfang 1749 unter folgenden Konditionen zu: Arme, liederliche und kinderreiche Untertanen solle man ziehen lassen, wenn sie weniger als 200 Gulden Vermögen hatten und nicht viel taugten. Den ehrlichen, fleißigen und begüterten Bürgern müsse die Auswanderung jedoch untersagt werden. Jeder Auswanderer mußte vorher seine Schulden bezahlen, sich von der Leibeigenschaft loskaufen und ein Abzugsgeld entrichten. Für kinderreiche Familien galt die Vermögensgrenze von 200 Gulden nicht.

Der Kaiser gewährte den Einwanderern in Siebenbürgen folgende Vergünstigungen: Jede Familie bekam soviel Land, wie sie bebauen konnte, Mithilfe beim Hausbau, Stellung von Saatgetreide, Anteil an Wald- und Weinbergen, Steuerfreiheit für die ersten fünf Jahre.

Durch diese Versprechungen und die eintreffenden positiven Briefe der ersten Siedler aus Mühlbach brach in Baden ein wahres Emigrationsfieber aus, das die Baden-Durlachische Regierung nur dadurch eindämmen konnte, indem sie die Rückkehr aus Siebenbürgen nicht erlaubte. In der Zeitschrift "Das Markgräflerland" ist eine Arbeit des sehr verdienstvollen Rektors Karl Seith enthalten. Darin sind von 1940 bis 1952 in mehreren Folgen sämtliche bekannt gewordenen Auswanderer mit Hilfe der evangelischen Kirchenbücher und Archivakten erfaßt worden. Es konnten 235 Familien festgestellt werden. In der Praxis dürften es jedoch wesentlich mehr Auswanderer gewesen sein. Man spricht von 800 Familien, denen sich auch Schweizer aus dem Kanton Aargau anschlossen.

Schon 1750 versuchten einige Markgräfler die Rückkehr, weil sie nicht in der Lage waren, in Siebenbürgen einen selbständigen landwirschaftlichen Betrieb zu führen. Meistens wurden sie an der badischen Landesgrenze abgewiesen. Nur in Ausnahmefällen durften sie im Markgräflerland als Knechte und Mägde bleiben. Bei der Bearbeitung des Ortssippenbuches Britzingen bei Müllheim, das 1973 erschienen ist, habe ich zu meiner Überraschung festgestellt, daß mehrere Familien aus Siebenbürgen zurückgekehrt sind, denn sie lassen sich durch Sterbeeinträge belegen.

Um den Auswanderungstrend zu stoppen, hat die Baden-Durlachische Regierung durch die Gründung von Fabriken im Raum Lörrach und im unteren Wiesental ab 1753 viele neue Arbeitsplätze geschaffen und konnte dadurch die wirtschaftliche Lage erheblich verbessern. So ist zu vermuten, daß Auswanderer, die aus Siebenbürgen erst nach Jahren in ihre Heimat zurückkehrten, nicht mehr abgewiesen worden sind, wenn sie eine Arbeit in der Industrie finden konnten. In einigen Fällen läßt sich nachweisen, daß Rückkehrer nach dem Tod ihrer Eltern den Hof übernehmen durften.

Im Jahre 1770 folgte eine weitere Auswanderungswelle mit 150 Familien nach Siebenbürgen aus dem "Hanauerland", dem Raum Kehl und aus dem "Ritterständischen Breisgau", aus Dörfern im Raum Lahr, in denen die Bevölkerung infolge einer großen Rheinüberschwemmung unter starker Hungersnot litt.

Zum Schluß dürfte die Frage von Interesse sein, ob es möglich ist, die Herkunft von Vorfahren in Südbaden zu ermitteln: Dieser Frage ist Karl Seith bereits im Jahre 1930 nachgegangen, ohne die große Rückwanderung nach 1945 in die Bundesrepublik Deutschland zu erahnen. Aufgrund intensiver Kirchenbuchstudien in Mühlbach und einigen anderen Ortschaften gelangte er zu folgenden Resultaten: In den siebenbürgischen Kirchenbüchern ist leider der genaue Heimatort meistens nicht erwähnt oder nur verballhornt aufgeführt. In der Regel wurde als Herkunftsbezeichnung nur "Durlacher" oder "Hanauer" vermerkt. Auch die Schreibweise der Familiennamen wurde der siebenbürgischen Sprache angepaßt: die alemannische Endung "lin" wurde zum fränkischen "el" umgeformt. So enstand z.B. aus dem Namen "Schanzlin" die Form "Schanzel", aus "Gräßlin" wurde "Grässel", der Name "Bürgin" änderte sich zu "Birk".

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